Das College Viễn Đông ist von der Volkskomitees der Stadt Ho-Chi-Minh mit dem Titel ‚Hervorragendes Arbeitsteam des Studienjahres 2024/2025‘ ausgezeichnet worden.
28.08.2025
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Die Nachricht, dass nur 23,4 Prozent der Unternehmen im zweiten Quartal 2025 planen, Berufseinsteiger oder Praktikanten einzustellen, sorgt bei vielen Absolventen für Sorgen: Droht der Einstieg ins Berufsleben immer enger zu werden?
Doch das Bild des Arbeitsmarktes ist nicht ausschließlich düster. In bestimmten Branchen bleiben die Chancen für Nachwuchskräfte weiterhin groß. Die entscheidende Frage lautet: Wie sollten sich Studierende vorbereiten – und welche Verantwortung tragen Hochschulen und Unternehmen, um die Engpässe gemeinsam zu überwinden?
Nicht unbedingt Erfahrung zählt – sondern Vielseitigkeit
Bùi Tiến Đạt, Personalchef der Đông Phương Group (Ho-Chi-Minh-Stadt), die neun Kongress- und Hochzeitszentren mit insgesamt 63 Sälen betreibt und jährlich Millionen von Gästen bewirtet, betont den hohen Personalbedarf in Gastronomie, Hotellerie und Veranstaltungswesen: „An Spitzentagen benötigen wir bis zu 3.600 Arbeitskräfte. Deshalb arbeiten wir eng mit zahlreichen Universitäten, Hochschulen und Berufsschulen zusammen, um Studierende und Praktikanten auszubilden und zu rekrutieren“, erklärt Đạt die Gründe für die Kooperation mit Bildungseinrichtungen.
Studierende des Studiengangs Fahrzeugtechnik am Viet Dong College absolvieren ihr Praktikum im Unternehmen – ein Weg, der ihnen einen schnellen Zugang zur Praxis eröffnet.
Interne Daten dieses Unternehmens zeigen, dass im Durchschnitt jedes Jahr rund 100 Studierende des Viet Dong College ein Praktikum absolvieren. Etwa 50 von ihnen werden anschließend in eine Festanstellung übernommen. Darüber hinaus eröffnen spezielle Programme wie das „Unternehmensmodul“ oder das „Management-Trainee-Programm“ den Absolventen klare Aufstiegsperspektiven – anstatt sie auf den untersten Positionen beginnen zu lassen.
Auch die Hotellerie profitiert von Nachwuchskräften. So bestätigt Nguyễn Hồng Thắm, Personalchefin des Luxushotels The Reverie Saigon, dass allein dort bereits 45 Absolventinnen und Absolventen des Saigon Tourism College tätig sind. Gleichzeitig verweist sie auf die Anforderungen: Die Hauptkundschaft des Hauses stammt aus den USA, Japan, Südkorea, Großbritannien und China. „Wer in einem internationalen Umfeld arbeiten möchte, muss über sichere Englischkenntnisse und möglichst weitere Fremdsprachen verfügen. Das ist ein entscheidender Vorteil im Vergleich zu anderen Bewerbern“, betont Thắm.
Auch Personalexpertin Trần Thị Ngọc Thảo, Geschäftsführerin von TMS und Gründerin der HR-Talks-Community, macht deutlich: „Angesichts des derzeitigen Überangebots an Arbeitskräften suchen Unternehmen nicht unbedingt nach Berufserfahrung, sondern nach Vielseitigkeit und Multiskills. Wenn Absolventen diese Erwartungen erfüllen, sind sie nach wie vor willkommen.“
Thảo nennt zudem konkrete Bereiche, die jungen Berufseinsteigern nach wie vor offenstehen: Kundenservice, Telesales, Callcenter, Sprachschulen sowie der Onlinehandel. „Diese Tätigkeiten sind leicht zu erlernen, die Nachfrage ist groß – und sie eignen sich gut, um grundlegende Kompetenzen aufzubauen“, erklärt sie.
Aus Sicht der Ausbildung sieht Phan Thị Lệ Thu, stellvertretende Rektorin des Viet Dong College, jedoch deutliche Defizite: „Viele Absolventen halten zwar ein Diplom in den Händen, werden von Unternehmen aber nicht eingestellt – weil die Ausbildung zu theorielastig ist und es an Praxisbezug fehlt.“ Thu kritisiert insbesondere die Diskrepanz zwischen Lehrplan und tatsächlichen Anforderungen der Wirtschaft: „Wenn Unternehmen einstellen, müssen sie erst Zeit und Geld in eine erneute Schulung investieren.“
Brücke zwischen Hörsaal und Unternehmen
Nach Ansicht von Phan Thị Lệ Thu, stellvertretende Rektorin des Viet Dong College, müssen Bildungseinrichtungen ihre Ausbildung von Beginn an eng mit der Wirtschaft verzahnen. Unternehmen sollten sich an der Lehre beteiligen, Lehrpläne mitgestalten und sogar einzelne Module direkt am Arbeitsplatz durchführen.
Tatsächlich bauen immer mehr Hochschulen ihre Kooperationen mit der Wirtschaft aus. So arbeitet das Viet Dong College seit einiger Zeit mit der Đông Phương Group im Bereich Food & Beverage (F&B) zusammen. „Früher luden wir Dozenten aus den Unternehmen ein, um das F&B-Modul zu unterrichten. Heute findet dieses Modul direkt im Betrieb statt“, erklärt Lệ Thu. Dadurch sei der Übergang von der Hochschule ins Unternehmen einfacher – und Firmen hätten eine bessere Grundlage, Absolventen zu übernehmen.
Auch Personalchef Bùi Tiến Đạt von Đông Phương Group unterstreicht den Praxisbezug: Ein Unternehmensmodul umfasse rund 160 Stunden Theorie und Praxis, verteilt auf acht Wochen. „Die Studierenden lernen und arbeiten dabei jede Woche direkt im Betrieb“, so Đạt.
Ein weiteres Beispiel ist das College of Economics Ho Chi Minh City, das seit Jahren ein „duales Ausbildungsmodell“ verfolgt: Zahlreiche Kurse im Restaurantmanagement finden unmittelbar in Hotels statt. Rektor Trần Văn Tú betont zudem die enge Zusammenarbeit der Hochschule mit Banken im Bereich Finanz- und Bankwesen.
Auch das Lý Tự Trọng College in Ho Chi Minh City verstärkt nach Angaben von Interimsrektor Đinh Văn Đệ seine Kooperationen mit Unternehmen im In- und Ausland. Diese reichen von Studienberatung, Lehrplanentwicklung und Berufsorientierung über die Mitarbeit von Unternehmensvertretern in Fachgremien bis hin zu gemeinsamer Lehre, Dozentenschulungen, Forschung, Jobvermittlung, Bereitstellung von Ausstattung und Stipendien.
Ausbildung soll stärker mit den Anforderungen der Wirtschaft verknüpft werden
Welche Kompetenzen Studierende mitbringen sollten
Seit mehr als zehn Jahren begleitet Phan Trường Duy, Trainings- und Entwicklungsmanager im Vinpearl Landmark 81 (Marriott International), Studierende bei Praktika, Hotelbesichtigungen und Berufsorientierungen. Besonders schätzt er die Selbstsicherheit, Leidenschaft und Professionalität vieler junger Talente.
Aus Sicht des Personalwesens betont hingegen Trần Thị Ngọc Thảo: „Angesichts der aktuellen schwierigen Lage prüfen Unternehmen ihre Einstellungen sehr sorgfältig. Doch Berufseinsteiger sind willkommen – sofern sie den Arbeitgebern zeigen, dass sie vielseitig, flexibel und positiv denkend sind.“
Thảo weist gleichzeitig auf Defizite vieler Absolventen hin: mangelnde Praxiserfahrung bedeute fehlende Problemlösungs- und Zeitmanagementfähigkeiten. Dadurch falle es jungen Berufseinsteigern schwer, das Vertrauen von Arbeitgebern zu gewinnen.
Nach ihrer Einschätzung müssen Studierende neben Fachwissen vor allem grundlegende Soft Skills aufbauen: Problemlösungskompetenz, effektive Kommunikation, Zeitmanagement und Teamarbeit. Hochschulen vermittelten zwar das theoretische Fundament, doch im Berufsleben komme es darauf an, Wissen in Handeln zu übersetzen.
„Schicken Sie niemals einen völlig leeren Lebenslauf ohne Praxiserfahrung. Nutzen Sie jede Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln – sei es durch Nebenjobs oder Praktika. Nur wer gearbeitet hat, kann wirklich reifen“, rät Thảo.
Auch Dozenten gehen „in die Lehre“ bei Unternehmen
Nicht nur die Curricula werden praxisnäher gestaltet, auch die Lehrkräfte am Viet Dong College müssen ihr Wissen kontinuierlich in Unternehmen auffrischen. „Wer nur im Hörsaal unterrichtet, kann mit technologischen Entwicklungen kaum Schritt halten. Viele haben vor mehr als zehn Jahren ihr Studium abgeschlossen – in Branchen wie Technik oder Medizin verändert sich die Realität aber täglich“, erläutert Vize-Rektorin Phan Thị Lệ Thu.
Deshalb seien die Dozenten verpflichtet, jedes Jahr für etwa zwei Monate in Betrieben mitzuarbeiten – oft parallel zu den Praktikumsphasen der Studierenden. „Dabei sollen sie nicht nur beobachten oder unterstützen, sondern wie echte Trainees selbst mitarbeiten“, so Lệ Thu.